Cringe, goofy, sheesh – und ich dachte, ich spreche die gleiche Sprache.
von Martin Haidinger
„Man kann nicht nicht kommunizieren“, sagte einst der kluge Paul Watzlawick, denn wenn zwei Menschen eine Situation teilen, treten sie unweigerlich miteinander in Interaktion. Andererseits wusste der famose Soziologe Erving Goffman, dass wir im Alltag alle Theater spielen, das bedeutet unsere Selbstdarstellung dem jeweiligen Umfeld anpassen und dabei, unbewusst, in Rollenspiele eintreten, ob in der Familie, im Beruf oder im Umgang mit Freunden.
Zwischen diesen beiden Polen spielt sich also unsere Kommunikation ab: Wir können nicht anders, sind uns aber oft gar nicht bewusst, wie wir wo und wem gegenüber agieren. Rühren daher die vielen zwischenmenschlichen Missverständnisse, die wir täglich aneinander und miteinander erleben?
Wie 30 Jahre Altersunterschied ein Gespräch zur Herausforderung machen
Daneben machen semantische Fallstricke manche Kontakte noch schwieriger. Bei einer eindrucksvollen Begegnung mit einem jungen, technisch wohl kompetenten Berliner Sicherheitsexperten beim Philosophicum in Lech am Arlberg 2025 stellte ich verblüfft fest, halbe Sätze unseres Gesprächs einfach nicht zu verstehen, was nicht an der klischeehaften Sprachschranke zwischen Wien und Berlin lag, sondern an 30 Jahren Altersunterschied. Denn jeder wache Zeitgenosse, der schon ein paar Jahre auf der Welt weilt, hat den Generationenwechsel des gesellschaftlichen und politischen Vokabulars erlebt, aber vielleicht, so wie offenbar auch ich, noch nicht gänzlich verarbeitet. „Cringe“, „goofy“, „sheesh“ oder „flexen“ waren mir einfach nicht bekannt. Ich steckte noch in anderen Begriffswelten fest, die mir bis dahin noch völlig genügt hatten.
Früher war Biographie ein Kunstwerk, heute nennen wir es Social Media Profil
Noch komplizierter wird’s, wenn wir die digitale Welt mit einbeziehen, in der sich mittlerweile die meisten Kontakte abspielen. Selbst wenn wir unsere geschriebenen Worte mit allerlei semiotischen Krücken ausstatten, mit Emojis, anderen Zeichen und Bildern, können wir nicht sicher sein, „richtig“ verstanden zu werden.
Dabei gab es Propheten, die zumindest für die Literatur und damit für die Entwicklung der Hochkultur einiges voraussahen: wir hätten uns frühzeitig darauf vorbereiten können.
Der Kulturphilosoph Egon Friedell etwa sah es schon 1912 als „nicht ausgemacht, dass die Literatur von nun an ein für allemal das wichtigste geistige Ausdrucksmittel bleiben wird. Und es ist gar nicht ausgeschlossen, dass es in hundert Jahren eine Art der publizistischen Wirksamkeit geben wird, die der Schriftstellerei an Eindringlichkeit, Vielseitigkeit und Beweglichkeit ebenso überlegen ist wie das Buch und die Tageszeitung dem Kanzelredner und Wanderprediger.
Die Dichter, die wir bis jetzt gesehen haben, haben alle ihre verfügbare Poesie und Romantik auf lyrische Gedichte abgezogen oder in einen Roman eingedünstet. So bleibt nichts für das Leben übrig. … Es ist außerdem auch gar nicht ausgemacht, dass zum Dichten notwendig ‚Werke‘ gehören. Ja, es ist noch sehr die Frage, ob jene Genialität nicht höher steht, die sich in den täglichen improvisierten Lebensäußerungen eines Menschen offenbart.
Vielleicht wäre der größte Künstler derjenige, der sagen könnte:, Das einzige Kunstwerk, das ich geschaffen habe, ist meine Biographie!'“
Beziehungsweise mein Blog und mein Social Media -Profil, in dem meine „Freunde“ heute vom mittäglichen Verzehr von Spaghetti, samt Foto, morgen den medizinischen Beschwerden diverser Haustiere, samt Katzenfoto, und dereinst von meinem irdischen Ableben durch den lapidaren Vermerk „Status geändert“ erfahren werden; sogar dann werden wir also noch kommunizieren.
Lerne Martin hier kennen: https://www.martin-haidinger.at/