Warum hinter ‚unmotiviert‘, ‚unkonzentriert‘ und ‚zu wenig geübt‘ oft eine andere Geschichte steckt
von Manuela Neubauer
Warum diese Labels selten die ganze Wahrheit erzählen – und was dahinterliegt
Jahrelang hing in meiner Schulklasse und in meiner Lernstörungs-Praxis ein Motivationsplakat: „Das Können liegt am Wollen.“
Das sehe ich noch immer so, weil ohne Bereitschaft wenig beginnt. Heute würde ich darunter einen zweiten Satz schreiben: Manchmal reicht Wollen allein nicht.
Erfolgreiches Lernen braucht mehrere Voraussetzungen gleichzeitig. Ein Kind muss seine Aufmerksamkeit steuern, Informationen aufnehmen, verarbeiten, mit Vorwissen verknüpfen und speichern können. Gelerntes muss jederzeit abrufbar sein – auch wenn in einer Prüfung der Kopf beschließt, dass ihm zu diesem Thema nichts einfällt.
Gedächtnisleistung alleine reicht dafür nicht. Kinder müssen auch bei wenig verlockenden Aufgaben beginnen können, Frustration und Stress regulieren, Angst vor Fehlern ausblenden und trotz früherer Misserfolge erneut einen Versuch wagen. Sie müssen bei der Sache bleiben, Ablenkungen widerstehen und merken, wann eine Pause sinnvoll ist. Dazu braucht es passende Lernstrategien und Aufgaben, die weder unter- noch überfordern. Außerdem braucht es Schlaf, Erholung und Zeit, damit Gelerntes gefestigt werden kann.
Was passiert, wenn dieses Zusammenspiel wie ein Kartenhaus zusammenbricht?
Dann wird trainiert, erklärt, motiviert, kontrolliert, nach Hilfe gesucht, geübt, mehr und nochmal mehr geübt. Jeder gibt sein Bestes und dennoch reicht es nicht. In meiner Praxis erlebe ich, dass spätestens dann nicht nur das Kind mit Lernschwierigkeiten vor mir sitzt. Sondern auch Eltern, die sich an ihre eigene Schulzeit erinnern und sich fragen, ob sie etwas übersehen haben und früher hätten reagieren sollen. Oft nagt das Schuldgefühl, eine Lernstörung vererbt zu haben, am Gewissen. Wird das Kind seinen Lebensweg gehen können? Großeltern zeigen manchmal ein anderes Verständnis von Schule und geben gut gemeinte Ratschläge. So kann eine Lernschwierigkeit schnell zum Familienthema werden und dann ist es unübersehbar: Das Hausübungen-Lern-Drama-Tränen-Meer.
Unerbittlich zeigt es, was sich vermeintlich nicht vermeiden lässt: wohl gemeintes, empfohlenes aber meist übermäßiges Lernen. Es spiegelt unsere Leistungsgesellschaft, die den Wert eines Kindes schon in der Grundschule über messbare Erfolge definiert.
Das unsichtbare Versagensmonster, gegen das kein Zauberspray nachts unter dem Bett hilft, hat sich still und manchmal gar nicht heimlich in die Kinderseele eingeschlichen. Mit jeder Niederlage nagt es am Selbstbild des Kindes. Das genau spürt: Hier geht es um etwas Wichtiges – und offenbar stimmt mit mir etwas nicht.
Lernen entsteht dort, wo Wollen, Können und passende Bedingungen zusammenkommen
Wenn der Körper in Alarmbereitschaft ist und der Kopf mit Angst, Druck oder der Erwartung des nächsten Fehlers beschäftigt ist, stehen Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und flexibles Denken nur eingeschränkt zur Verfügung. Dann kann ein Kind wollen, motiviert sein und trotzdem nicht gut lernen, den Stoff verstehen, ihn jedoch im entscheidenden Moment nicht abrufen. Deshalb kann, wenn es drinnen laut stürmt und leise bröckelt, keine Bestleistung abgerufen werden. Dort braucht es kein zusätzliches Übungsblatt, sondern einen Perspektivenwechsel. Denn Unterstützung bedeutet nicht, jeden Stein aus dem Weg zu räumen, sondern die Stolpersteine mit kindgerechtem Handwerkszeug umzuformen.
Sie beschreiben niemals das Potenzial eines Kindes – schon gar nicht seinen Wert. Lerntherapie, Lernpsychologie, „Lernen lernen“ und Coaching gehören deshalb für mich zusammen – weil ein Kind nicht in einzelne Fachbereiche zerfällt.
Was hilft?
Genau an diesem Punkt setzt die Frage „Was hindert mein Kind gerade am Lernen – und was braucht es, damit Lernen wieder möglich wird?“ an.
Nachhaltiges Lernen entsteht, wo mehrere Ebenen zusammenspielen. Denn Kinder lernen nicht gleich. Es gibt keinen Weg, der für alle passt. Aber für jedes Kind lässt sich ein Weg finden, der zu seinen Voraussetzungen passt. Das Kind braucht
- kurze, planbare Lernzeiten: lieber 15 konzentrierte Minuten als eine Stunde Überforderung (Pomodoro-Technik)
- Pausen-Management: nach 15 bis 20 Minuten konzentrierter Arbeit eine kurze Bewegungspause
- Arbeitsplatz-Routine: Schreibtisch vor dem Lernen von Ablenkungen befreien, Getränk und Lernsachen vorbereiten
- Lernstrategien: z.B. Visualisieren, lautes Denken, Eselsbrücken, Merksprüche, Strukturieren, Markieren, Fehler-Detektive (Fehler = Helfer), Feynman-Methode, Mindmapping, Active Recall, Cornell-Methode, Spaced Repetition, Loci-Methode, Karteikarten-Systeme…
- Aufgabenportionen: Große Arbeitsmengen in kleine Schritte teilen, z.B. Salami-Technik früh abgeklärte Lernschwierigkeiten: Lehrkraft und Fachperson einbeziehen
- gewürdigte Anstrengung: Nicht nur das Ergebnis loben, sondern Probieren, hilfreiche Lösungswege und erkannte Fehler, z.B. „Du hast es nochmal anders versucht“
- die Trennung von der Schwierigkeit: z.B. „Lesen fällt dir noch schwer.“ nicht „Du bist schlecht im Lesen.“
- gestärkte Selbstwirksamkeit: Umgang mit Angst, Stress, Misserfolg, Fehlern, Unsicherheit …
- und emotionale Sicherheit: Beziehung vor Leistung –vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft, die wir einem Kind mitgeben können:
„Ich glaube an dich, auch wenn du gerade selbst daran zweifelst.“
Triff Manuela hier: https://www.praxis-neubauer.at/