Wie wir Kinder wachsen lassen statt formen – und warum Selbstwert statt Norm der Schlüssel ist.
by Heike Melfsen
Als Beckenboden- und Physiotherapeutin habe ich in meinen Rückbildungskursen über Jahre viel sehen und erleben dürfen. Vom ersten Kind als Säugling über ältere Kinder, die mit in den Kurs kommen. Doch v.a. habe ich Frauen beobachtet, wie sie sich in der Mutterrolle verlieren.
Woher kommt der Begriff „Erziehung“?
War Dir bewusst, dass der Begriff der Erziehung zunächst nicht aus der Pädagogik stammt?
Erziehung kommt aus der Baumschule. Der Baum wird z.B. als Spalierobst gezogen. Doch wenn sich ein Baum nicht normgerecht, bzw. für den Ertrag und den Marktwert entwickelt, dann wird er aussortiert, oder zugeschritten. Die Pflanzen werden kultiviert.
Spalierobst oder fruchtbarer Boden – zwei Wege der Erziehung
So frage ich, willst Du Dein Kind wirklich erziehen, hin zu einem Leistungsobjekt, oder einer Norm entsprechend? Hat nicht jedes Kind von Zeugung an seine eigenen Potenziale, die es zu fördern gilt? Bleiben wir im Bild der Baumschule. Ich kann mich an das Spalierobst halten, oder das Erschaffen von optimalen Voraussetzungen, damit sich der Baum gut entwickeln kann. Möglichkeiten hier sind ein fruchtbarer und lockerer Boden und viel Licht. Was könnte das in Bezug auf Dein Kind bedeuten?
Wenn Kinder ihre Fröhlichkeit verlieren
Ich hatte vor kurzem ein Gespräch mit einer Grundschullehrerin, die mir erzählte, was sie in den letzten Jahren beobachtet. Kinder, die immer mehr ihre Fröhlichkeit verlieren, ihr Lachen, ihr Sein. Das Bild wird komplett durch Mütter, die weinend bei ihr im Gespräch sitzen, da ihr Kind „nur“ eine 2,3 schreibt. In welche Norm passt wohl hier das Kind nicht? Ich frage mich an dieser Stelle, wo uns diese Form der Erziehung hin führt, bzw., wo sie v.a. her kommt?!
Woher der Druck wirklich kommt: übertragene Muster und Selbstwert
Aus eigener Erfahrung als Mutter von zwei Söhnen im Alter von 18 und 20 kann ich sagen, hier treffen die Übertragungen der Muster unserer Ahnen auf den mangelnden Selbstwert von so vielen von uns. Mal Hand aufs Herz: welche Mutter, die ihren Selbstwert über sich und ihre Fähigkeiten definiert – also aus sich selbst heraus – hat ein Thema mit einer 2,3 als Note? Wohl nur, wenn ich mich über das Außen definiere. Nur dann wünsche ich meinem Kind einen Notendurchschnitt von 1, aus der Überzeugung meines eigenen mangelnden Selbstwertes, dass es nur dann in der Gesellschaft bestehen kann, oder was meinst Du?
Meine eigene Geschichte: zwischen Anpassung und Selbstverlust
Ich ließ mich jahrelang von der Gesellschaft verunsichern, wenn es um meine Kinder ging. Ich wollte ja „alles richtig machen“, „meinem Kind mental nicht schaden“, und von Außen nicht schräg angeschaut werden. Mir war es wichtig, was das Außen über mich denkt. Mit meinem ersten Sohn hatte ich von Anfang ein Kind, das wußte, was es wollte. Aus heutiger Sicht bin ich stolz auf ihn. Damals war es für mich eine Herausforderung, da er aus der Reihe trat, auffiel, bzw. er einfach ein ganz normaler Junge war, was nicht wirklich gerne gesehen wird. Doch bevor ich mich darin verliere, stoppe ich hier.
Meine Geschichte endete in einer Krankheit, da ich dem mentalem Stress, der in mir u.a. durch innere Antreiber wie Perfektionismus und „es allen Recht machen wollen“ nicht stand hielt. Mein Selbstwert war kaum vorhanden. Wenn ich Gefühle wie Wut und Ärger nicht unterdrückte, stieß ich auf Unverständnis meiner Mitmenschen. Viele können mit Gefühlen wie Wut nicht umgehen, da sie es nicht lernen, sie zu leben und zu regulieren.
Wovon hängt Dein Selbstwert ab?
Bist Du Dir bewusst, das auch Du ein wertvoller Mensch bist? Auch ohne etwas zu leisten, oder dafür zu funktionieren? Hängt Dein Selbstwert von Deinem Kind ab, das sich in der Gesellschaft beweisen kann? Oder ist es viel wichtiger es innerhalb gewisser Leitplanken in seiner Entwicklung zu fördern, es seine eigenen Erfahrungen machen zu lassen?
Ich sehe meine Rolle als Mutter genau darin – meine Werte vorleben, anstatt sie auf zu zwängen, bei Entscheidungen Impulse geben, anstatt meine Meinung aufzudrängen. Ein Kind braucht nicht optimiert zu werden, sondern es braucht Menschen, denen es vertrauen kann, die da sind, wenn es notwendig ist. Bezugspersonen, mit denen es in Austausch gehen kann, wo auch mal Reibung entstehen darf. Menschen, denen ihre eigenen Bedürfnisse wichtig sind, nicht aus purem Egoismus, sondern aus dem Wissen heraus, dass sie für ihre Gesundheit notwendig sind. Menschen, die Gefühle kommunizieren und leben. Vorbilder, die authentisch und nahbar sind.
Genogrammarbeit: übertragene Muster erkennen und auflösen.
So lohnt es sich eine Genogrammarbeit zu machen, die mir in meiner Epigenetik-Coach Ausbildung sehr die Augen geöffnet hat. Frage Deine Eltern und Großeltern, was sie Dir in Bezug auf ihre Ernährung, Bewegung, Schlaf, und v.a. die Art und Weise wie sie geredet haben, ob sie Gefühle gelebt haben, erzählen können. Da erfährst Du viel, wo Du her kommst, was Du an übertragenen Mustern in Dir trägst. Wenn Du das idealerweise zu Beginn eines neuen Lebens tust, dann beendest Du die weitere Übertragung, und legst Deinem Kind eine gute Grundlage für mentale wie körperliche Gesundheit.
Deine Entscheidung
Zu reflektieren, ob Du Dich und Dein Kind sein lässt, wie ihr beide sein wollt, sich weder optimieren, noch anpassen, das ist aus meiner Sicht als Lebens- und Sozialberaterin eine Beziehung, die einen wertschätzenden und fürsorglichen Umgang miteinander gewährleisten kann. Nun entscheidest Du selbst, welchen Weg Du gehst.
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