Im Gespräch mit René Borbonus über die Kunst guter Kommunikation und die Verantwortung, die in Sprache liegt
im Interview mit Stefanie Helm
Lieber René, du bist bekannt als Rhetorik- und Kommunikations-Experte. Wann ist dir zum ersten Mal wirklich klar geworden, wie mächtig Sprache sein kann?
Ich glaube, wie vielen anderen Menschen auch, zunächst auf zwei Wegen. Zum einen sehr schmerzhaft. Ich musste erfahren, dass das, was ich fühle, das, was in mir vorgeht, nicht zwangsläufig bei anderen Menschen
ankommt. Dass ich Menschen sehr mögen oder sogar lieben kann – und trotzdem etwas ganz anderes bei ihnen ankommt. Ich musste lernen, dass eine hohe Wertschätzung in mir sein kann und dennoch beim anderen Geringschätzung ankommt. Das heißt: Die Haltung, die ich mitbringe, geht nicht automatisch ins Verhalten über. Das war eine sehr prägende Erfahrung. Dann gab es natürlich auch die andere Seite: Erfolgserlebnisse. Ich habe erlebt, dass ich mit Worten Menschen erreichen kann. Dass Worte öffnen, begeistern und verbinden können. Und in den letzten Jahren ist mir immer klarer geworden, wie sehr unsere psychische und physische Gesundheit davon abhängt, ob Menschen in guten Beziehungen zueinander stehen. Ich sage immer: Kommunikation formt Beziehungen – und Beziehungenformen Lebensqualität.
Wenn du „die Macht der Worte“ in einem Bild beschreiben müsstest: Wie würde es aussehen – und warum?
Darauf finde ich interessanterweise gar keine richtige Antwort. Vielleicht gerade deshalb, weil Sprache so vieles gleichzeitig sein kann. Worte können trösten, verletzen, verbinden, inspirieren oder zerstören. Sie sind nie nur Mittel zum Zweck, sondern immer auch Ausdruck einer Haltung.
Was macht ein Wort für dich „gut“: Präzision, Klang, Bildhaftigkeit, Emotion oder etwas ganz anderes?
Zunächst einmal finde ich jedes Wort spannend. Jedes Wort erzählt eine Geschichte. Ich wünsche mir,
dass Menschen wieder mehr auf Worten „herumkauen“ und Worte schmecken. Das kann man ja tatsächlich.
Wir sagen nicht umsonst: „Lass dir das mal auf der Zunge zergehen.“ Ich mag Kinder, die Worte nicht
einfach hinnehmen. Denn wenn man sich wirklich mit Worten beschäftigt, merkt man schnell, ob ein Wort
bitter schmeckt oder gut. Worte verändern Wahrnehmung. Worte verändern Verhalten. Deshalb lohnt es
sich, achtsam mit ihnen umzugehen. Und ja – ich mag auch schöne Worte. Ich glaube, besondere Worte bereichern Gespräche und Reden. Warum hören wir manchen Menschen so gerne zu? Oft, weil sie schöner sprechen. Das hat mit Klang zu tun, mit Rhythmus, mit Bildern – und manchmal einfach mit der Liebe zur Sprache.
Wie unterscheiden sich Worte, die verbinden, von Worten, die gewinnen oder lenken wollen? Woran spürt man das?
Ich glaube gar nicht, dass das zwingend ein Widerspruch ist. Man kann Menschen verbinden und trotzdem überzeugen oder führen wollen. Entscheidend ist die Haltung dahinter. Wir dürfen in der Sache klar sein, aber gegenüber Menschen herzlich. Sonst nehmen wir ihn nicht mit. Natürlich muss man sich manchmal durchsetzen, manchmal auch lenken oder führen. Aber bitte immer so, dass der andere dabei nicht das Gesicht verliert. Wenn dieser Ausgleich gelingt – Klarheit in der Sache und Respekt im Umgang –, dann entstehen Worte, die sowohl verbinden als auch Orientierung geben.
Wie findet man in schwierigen Gesprächen Formulierungen, die klar sind, ohne zu verletzen?
Hast du eine Art inneren Check, bevor du etwas sagst?
Ich glaube, das hat vor allem mit Haltung zu tun. Menschen spüren sehr schnell, ob Respekt und Wertschätzung vorhanden sind. Meistens verletzt uns gar nicht die andere Meinung, sondern die Art, wie mit uns umgegangen wird. Spannend ist, dass wir oft unbewusst respektlos werden, obwohl wir es gut meinen.
Wenn jemand emotional ist und wir sagen: „Ach komm, ist doch nicht so schlimm“ oder „Das wird schon wieder“, dann wollen wir eigentlich trösten. Gleich zeitig fühlt sich der andere möglicherweise nicht gesehen. Und genau darum geht es beim Respekt: den anderen wirklich zu sehen. Wir können Menschen Ansehen verleihen, indem wir sie ansehen. Das Wort Respekt kommt von „respicere“ – zurückblicken, hinschauen. Wenn wir dem anderen vermitteln: „Ich sehe dich. Ich verstehe, was du meinst – und trotzdem sehe ich es anders“, dann können wir sehr klar sein, ohne den anderen im Kern zu verletzen.
Wenn ein Gespräch kippt: Was ist dein erster Mini-Schritt, um wieder Verbindung zu schaffen?
Dann ist aus meiner Sicht eine gute Entschuldigung das Gebot der Stunde. Eine gute Entschuldigung besteht aus drei Teilen: glaubhafter Reue, echter Empathie und einem Plan. Reue kann Vertrauen wiederherstellen.
Empathie bedeutet, sich wirklich in die andere Person hineinzuversetzen. Und ein Plan zeigt, dass man eine Idee hat, wie so etwas künftig vermieden werden kann. Wenn diese drei Dinge zusammenkommen, entsteht oft wieder eine Verbindung.
Was ist deine größte persönliche Herausforderung mit Sprache, die du immer wieder übst?
Respektvoll und freundlich zu bleiben – gerade dann, wenn Diskussionen aufgeladen sind. Das gelingt mir nicht immer. Und genau darin liegt für mich die Herausforderung: mich immer wieder darauf zu besinnen. Aristoteles beschreibt Freundlichkeit als den Mittelweg zwischen Gefallsucht und Streitsucht. Das finde ich wunderschön. Klar zu bleiben und gleichzeitig respektvoll – das ist mein persönlicher Nordstern. Und ich scheitere daran durchaus regelmäßig.
Welche kleine Übung können unsere Leserinnen und Leser diese Woche ausprobieren, um bewusster zu sprechen, ohne sich zu verbiegen?
Ich finde es schön, sich einfach mal zwei oder drei Worte herauszusuchen, die man besonders mag. Worte
mit einer schönen Bedeutung wie „Wohlwollen“ oder „Habseligkeit“ oder Worte, die einfach wunderbar klingen. Ich mag zum Beispiel „Tohuwabohu“ oder „Kladderadatsch“. Phonetisch großartig. Und dann versucht man einfach, diese Worte bewusst in einen Text oder in ein Gespräch einzubauen – natürlich passend und nicht künstlich. Das ist eine wunderbare Übung, um Sprache wieder spielerischer und interessanter zu machen.