Wie Schweigen und Wegschauen direkt an der Front das Pflegesystem zerreisst
Ein direkter Erfahrungsbericht von Janine Fitsch
„Uns fehlen Pflegekräfte!“, „Es ist überall so!“, „Wo soll das alles noch hinführen?“ „Jetzt kommt schon wieder was neues!“ „Die neue Reform wird uns das Genick brechen!“
Dieser Unmut und diese Angst sind emotional sehr erdrückend und belastend.
Ja, es gibt diesen Pflegenotstand, ja es gibt politisches Versagen – absolut, das ist keinesfalls wegzureden und doch ist es nur die halbe Wahrheit und sollte nicht ständig als Erklärung der brennenden Situation herangezogen werden.
Nicht nur der Fachkräftemangel greift um sich
Wenn man davon ausgeht, dass Pflegefachkräfte einfach verschwinden, kann man nur den Kopf schütteln, denn wenn wir genauer hinschauen, wird klar, dass sie ein System verlassen, welches sie über Jahre erschöpft, überfordert und emotional ausbluten lässt.
Also einfach ausgedrückt: Der Mangel an Fachkräften beginnt nicht am Arbeitsmarkt, sondern dort, wo Menschen ihre Berufung verlieren.
Die Arbeitsagentur Deutschland gibt an, dass die offenen Stellen der Pflegeberufe extrem schwer zu besetzen sind – gleichzeitig steigt der Pflegebedarf kontinuierlich – vorhandene Pflegekräfte reduzieren das Stundenausmaß, oder verlassen das System frühzeitig, zum Eigenschutz!
Auch wenn sie die Entscheidung für sich treffen – seid euch sicher – sie haben ein schlechtes Gewissen dem Unternehmen, den Kollegen und den Klienten gegenüber. Doch sie müssen diese Entscheidung treffen – wir alle wissen, dass Pflegefachkräfte körperlich und emotional sehr stark und fit sein müssen, um all den Belastungen irgendwie stand halten zu können.
Die Situation in Österreich entwickelt sich genauso dramatisch. Bis 2030 benötigt das Land rund 51.000 Pflegefachkräfte – das sind noch 3,5 Jahre. Zwischen 2030 und 2050 werden im Jahr 7.000 zusätzliche Fachkräfte gebraucht – die Rechnung wird allein mit dem Ausbilden nicht aufgehen!
Fachkräfte gehen nicht, weil sie zu wenig belastbar sind, sondern weil über Jahre ein System erschaffen wurde, welches Belastbarkeit mit Selbstaufgabe verwechselt.
Und irgendwann wird aus selbstverständlichem Engagement völlige Erschöpfung. Aus Motivation sein Wissen einsetzen zu können wird Resignation, um sich selbst zu schützen. Aus einer Herzensberufung wird die absolute Kündigung zum System.
Wenn Jahrezehntelange Erfahrung nicht gehört wird
Aus eigener Erfahrung: Man ist Pflegefachkraft, nach 22 Jahren wird man Experte genannt – ich erspare mir die Aufzählung der einzelnen Aufgabenbereiche auf dem Wohnbereich, nebenbei noch Dienstplaner, mitverantwortlich für die praktische Ausbildung und wenn man scharf drauf ist, übernimmt man noch die Bereichsleitung, vielleicht ist man noch Keyuser und Stellvertreter einer höheren Position, alles wird irgendwie zur Selbstverständlichkeit – oft bedeutet das unaufhaltsamer Mindfuck! Alles im Überblick zu halten ist harte Arbeit, das hat unweigerlich Auswirkungen auf das Privatleben, das Pflichtbewusstsein wird zur Hand-Fuß-Fessel – und das bis zur Pension? Puh…
Also… Wer kümmert sich nun um die Pflegefachkräfte, die längst da sind und am Limit laufen?
Finanzspritzen, die nicht mehr greifen und an falschen Orten eingesetzt werden
Man investiert Millionen in Recruiting, Plakate, Imagekampagnen, Ausbildungsangebote, internationale Anwerbungen – diese Liste in lang. Doch wieviel investiert man in die Menschen, die heute den Laden am Laufen halten? Hier sitzt mit Sicherheit der größte Hebel des Problems.
Man könnte ja mit der Frage beginnen: „Warum verlieren wir jedes Jahr so viele gute Fachkräfte?
Glaubt mir, die Antwort ist nicht die politische Situation. Das ist in meinen Augen eine Ausrede, nicht mehr und nicht weniger. Sie zeigt das unreflektierte Sein oder vielleicht auch die Angst, genauer hinzuschauen.
Sind wir bei dieser Antwort unreflektiert, voller Angst und in Folge dessen nicht ehrlich, werden wir diesen Mangel nie lösen können!
Ein Appell, der gehört werden will
Mein Appell: Reden wir ruhig weiter über den Fachkräftemangel – ich bin zwar müde davon, aber bitte – tun wir uns keinen Zwang an! Ob wir dann überhaupt im Stande sind, das Symptom zu behandeln hinterfrage ich sehr kritisch.
Das Pflegesystem wird brechen, wenn die Fachkräfte weiterhin an ihre Grenzen gebracht werden – wir müssen hinhören, hinschauen, Räume für menschliche und emotionale Themen auffangen und nicht nur organisatorisch denken. Führungskräfte dürfen beginnen, über den Tellerrand zu schauen. Und ehrlicherweise ist der Fachkräftemangel nur ein Problem von vielen, welches zu bewältigen ist.
Stabile Fachkräfte sorgen für stabile Teams – stabile Teams halten die Qualität und sichere Pflege!
Hier beginnt die Zukunft eines humanitären, stabilen Gesundheits- und Pflegesystems.
Ein Blick für neue Wege: kein Wegschauen, sondern aktive Gestaltung
Mein Ansatz: Coaching – Training – Mentoring für die Pflege ist kein Luxus – könnte aber Prävention schaffen.
Coaching ersetzt KEINE Ressourcenplanung, KEINE politischen Reformen, KEINE höheren Personalschlüssel!
Die politischen Gegebenheiten machen es uns nicht leichter, doch jede einzelne Pflegefachkraft, jede einzelne Führungskraft trägt die Verantwortung der Selbstfürsorge mit dem Ziel die Berufung zu einem der schönsten Berufe wiederzufinden, wo innerliche Kündigungen gar nicht erst zur Idee werden.
Hinschauen, Hinhören, Dasein, gemeinsam lösungsorientiert gestalten – das kostet keine Millionen – es bringt Empathie und Wertschätzung mit Fokus auf die vorhandenen Mitarbeiter, die den Laden am Laufen halten. Zeitgleich schafft es ein gutes Umfeld für neue Mitarbeiter, auch aus Drittstaaten und wir zeigen Azubis, wie wertvoll dieser Beruf ist. Wenn das nicht Ziel eines Unternehmens ist, ist das wirklich eine sehr verdrehte Welt und hat mit humanitärer Hilfe nichts mehr zu tun!
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